Kalorienbedarf nach OP: Warum weniger Bewegung nicht weniger Essen bedeutet

Kalorienbedarf nach einer OP: Warum weniger Bewegung nicht weniger Essen bedeutet
Rehabilitation nach einer Verletzung sei es ein Kreuzbandriss, eine Schulter-OP oder ein Umknicken bedeutet mehr als nur zum Arzt zu gehen, sich bei der Physiotherapie behandeln zu lassen und dem Ganzen Zeit zu geben. Um ein optimales Outcome zu erreichen und wieder leistungsfähig zu werden, gehören die Bausteine Ernährung, Schlaf und Regeneration genauso dazu wie das Training. Dass Training und Behandlung zur Reha gehören, klingt logisch. Ernährung spielt dabei meist eine geringe Rolle der erste Gedanke nach einer Verletzung ist häufig: „Ich bewege mich jetzt eh weniger und mache keinen Sport mehr, also sollte ich auch weniger essen.“ Mit der passenden Ernährung nach einer Verletzung oder Operation bieten wir dem Körper aber die optimalen Voraussetzungen, um die gewollten Anpassungen zu erreichen.
Warum der Körper nach einer Verletzung Energie braucht
Diese Annahme stimmt nur bedingt. Gerade jetzt braucht der Körper Energie und Baustoffe, um alle Heilungsprozesse ausreichend ablaufen zu lassen. Entzündungen laufen ab, Gewebe wird repariert und gleichzeitig beginnt der Abbau der Muskelmasse. Das bedeutet, dass ausreichend Kalorien und vor allem auch Protein gegessen werden müssen. Gerade Proteine sind wichtig, da diese zu Aminosäuren aufgespalten werden, die die Grundlage für fast jegliches Gewebe in unserem Körper darstellen. Aus Aminosäuren werden die einzelnen Bestandteile der Muskeln (Aktin & Myosin) sowie Sehnen und Bänder (Kollagen) gebildet. Fehlen diese Baustoffe, kann die Heilung verzögert werden, der Muskelabbau ist stärker und daraus resultiert eine längere Rehabilitation.
Die Entzündungsphase: Notwendig, nicht der Feind
In der ersten Phase nach einer Verletzung oder Operation läuft eine Entzündungsphase ab. Diese ist essentiell notwendig und MUSS ablaufen. Eine Entzündung ist also nicht immer etwas Negatives. Während der Entzündungsphase wird die verletzte beziehungsweise operierte Struktur vom Körper analysiert und für die Aufbau- und Reparaturprozesse vorbereitet. Dieser Prozess ist energieabhängig, das heißt, der Körper benötigt dafür Energie aus der Nahrung.
Muskelabbau: Unterschätzt und oft zu spät erkannt
Ein unterschätztes Problem ist der Muskelabbau. Bereits 36 Stunden nach der Immobilisation einer Extremität ist die Proteinbiosynthese heruntergesetzt und der Muskelabbau beginnt. Dazu reagiert der Körper weniger empfindlich auf Protein, eine sogenannte anabole Resistenz, was bedeutet, dass der Körper das zugeführte Protein weniger effektiv nutzen kann.
Wie viel Energie brauche ich wirklich?
Gleichzeitig sinkt mit der Immobilisation und reduzierter Bewegung auch der Energieverbrauch. Einerseits braucht der Körper Energie, um die Entzündung und Heilung optimal zu gestalten, andererseits benötigt er weniger Energie durch die gesunkene Bewegung. Diese Kombination macht es schwierig, eine pauschale Aussage zum Energiebedarf zu treffen. Auf den ersten Blick erscheint es daher logisch, die Energiezufuhr in der Rehabilitation zu reduzieren. Doch der Schein trügt.
Eine Übersichtsarbeit von Tipton (2015) konnte zeigen, dass der Energiebedarf nach orthopädischen Verletzungen nicht linear sinkt, sondern sich dynamisch verändert. In der akuten Phase der Verletzung kann der Energieverbrauch um 10–30 % erhöht sein, da die Gewebereparatur beginnt und dafür Energie und Baustoffe benötigt werden. Durch Immobilisation und geringere Aktivität sinkt der Grundumsatz und der Gesamtverbrauch leicht. Das Gehen auf Unterarmgehstützen hingegen verbrennt mehr Energie als normales Gehen und erhöht den Bedarf wieder. Im Rehabilitationsverlauf steigt der Energiebedarf erneut mit der zunehmenden Aktivität und dem Training in der Physiotherapie.
Das größte Risiko für eine verzögerte und nicht optimale Rehabilitation ist daher das Energiedefizit. Fehlen dem Körper Baustoffe und Energie, kann die Wundheilung verzögert sein, die Muskeln werden stärker als nötig abgebaut und die Leistungsfähigkeit im Training sinkt.
Daher gilt die Regel: „Vermeide ein chronisches Energiedefizit in deiner Reha!“
Protein: Der wichtigste Baustein
Der Schlüssel des Ganzen ist das Protein. Die Aminosäuren, zu denen die aufgenommenen Proteine aufgespalten werden, bilden wie beschrieben die Baustoffe des Körpers. Die Aminosäure Leucin ist einer der wichtigsten Antreiber für die Proteinbiosynthese und somit den Aufbau der Muskeln. Aus den Aminosäuren Glycin, Prolin, Hydroxyprolin und Lycopin wird Kollagen gebildet – der Grundstoff der Sehnen und Bänder. Außerdem unterstützen die Aminosäuren Glycin und Prolin bei der Wundheilung und der Narbenbildung.
Durch die bereits erwähnte anabole Resistenz des Körpers nach einer Verletzung oder Immobilisation muss mehr Protein aufgenommen werden als üblich, um die gleichen Effekte zu erzielen. Die aktuelle Mindestempfehlung der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) liegt bei 0,8 g/kg Körpergewicht pro Tag. Für Sportler und aktive Menschen kann der Bedarf bei 1,5 g/kg Körpergewicht pro Tag oder mehr liegen. In der Phase der Rehabilitation nach orthopädischer Verletzung kann der Bedarf laut Tipton (2015) bei 2,0 bis 2,5 g/kg Körpergewicht pro Tag liegen. Das entspricht bei einer ca. 60 kg schweren Frau 120–150 g Protein am Tag und bei einem ca. 80 kg schweren Mann 160–200 g pro Tag.
Nicht nur die Gesamtmenge ist entscheidend, sondern auch das Timing über den Tag. In 3 bis 5 Mahlzeiten sollten jeweils 30–50 g hochwertiges Protein enthalten sein. Vor allem nach körperlicher Anstrengung – dazu gehört die Behandlung, das Training oder auch der Fußweg auf Unterarmgehstützen zum Arzt – ist es sinnvoll, ca. 30 g Protein zu sich zu nehmen. Neben klassischen tierischen Produkten wie magerem Fleisch oder Milchprodukten zählen auch pflanzliche Produkte wie Tofu, Tempeh oder Sojaprotein zu hochwertigen Eiweißquellen.
Kohlenhydrate: Zu Unrecht verteufelt
Der nächste wichtige Makronährstoff sind die Kohlenhydrate. Diese werden häufig zu Unrecht verteufelt und in der Ernährung reduziert. Dabei liefern gerade sie die nötige, schnell verfügbare Energie, um die Trainingsleistung maximal hoch zu halten. Mit mehr Energie im Training kann intensiver trainiert werden – die Anpassungseffekte sowohl im verletzten/operierten Gewebe als auch im Rest des Körpers sind dadurch größer. Außerdem wirken Kohlenhydrate indirekt muskelprotektiv: Hat der Körper zu wenig Energie aus Kohlenhydraten zur Verfügung, werden andere Makronährstoffe wie Proteine herangezogen – und genau diese wollen wir erhalten.
Je nach Aktivitätsniveau sollten unterschiedlich viele Kohlenhydrate pro Tag aufgenommen werden. Bei geringer Aktivität (z. B. an Tagen ohne Termine oder Training) werden 3–5 g/kg Körpergewicht pro Tag empfohlen. Bei moderater Belastung von ca. 1 Stunde täglich (z. B. 20 Minuten KG-Behandlung und anschließendem KGG-Training) sollten es 5–7 g/kg Körpergewicht pro Tag sein. Bei unserer 60-kg-Frau wären das je nach Aktivität 180–300 g bzw. 300–420 g Kohlenhydrate täglich; beim 80-kg-Mann 240–400 g bzw. 400–560 g.
Gute Kohlenhydratquellen sind klassische Getreidequellen (z. B. Reis gekocht: 28 g/100 g; Pasta gekocht: 25 g/100 g), Brot und Backwaren (Vollkornbrot: ca. 40 g/100 g; Knäckebrot: ca. 67 g/100 g), Kartoffelprodukte (Kartoffeln gekocht: ca. 15 g/100 g; Pommes: ca. 35 g/100 g) sowie Obst (Banane: ca. 23 g/100 g; Apfel: ca. 15 g/100 g).
Fette: Mehr als nur Energiespeicher
Der dritte Makronährstoff ist Fett. Fett hat weit mehr Aufgaben als nur Energie zu speichern. Jede Zellmembran im Körper ist beispielsweise eine Phospholipid-Doppelschicht, die Fettsäuren enthält. Außerdem sind Fette wichtig für die Hormonproduktion: Aus Cholesterin werden Testosteron und Östrogen gebildet – beides wichtige Hormone für den Muskelaufbau. Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren steuern Entzündungsreaktionen, können Schmerz regulieren und sind wichtig für die Gewebereparatur. Als Aufnahmeempfehlung gelten ca. 1 g/kg Körpergewicht pro Tag. Omega-3-reiche Quellen sind beispielsweise Leinöl, Walnüsse und Lachs.
Die häufigsten Ernährungsfehler in der Reha
Zusammengefasst gibt es vier häufige Fehler in der Ernährung nach einer orthopädischen Verletzung oder Operation:
1. Zu wenig essen: Das Energiedefizit verlangsamt die Heilung und verstärkt den Muskelabbau.
2. Zu wenig Protein: Gerade in der Phase mit weniger Aktivität werden Proteine benötigt, um den Muskelabbau zu reduzieren.
3. Kohlenhydrate zu stark reduzieren: Dadurch leidet die Trainingsqualität und der Fortschritt in der Rehabilitation wird verlangsamt.
4. Zu viel Fokus auf Supplemente statt Basisernährung: Stimmt die Aufnahme von Proteinen, Kohlenhydraten und Fetten nicht, helfen auch keine Nahrungsergänzungsmittel, um Fortschritte zu erzielen.
Fazit: Einfache Prinzipien, große Wirkung
Die richtige Ernährung ist kein „Nice-to-have“ im Rehabilitationsprozess, sondern ein zentraler Baustein für die Rückkehr zur Leistungsfähigkeit. Wird sie gezielt eingesetzt, kann sie nicht nur den Heilungsprozess unterstützen, sondern auch langfristige Nachteile wie Muskelverlust minimieren.
Die gute Nachricht: Es braucht keine extremen Maßnahmen oder komplizierten Strategien. Oft sind es die einfachen Prinzipien, ausreichend Energie, genügend Protein und eine ausgewogene Lebensmittelauswahl, die den größten Unterschied machen.
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